Deine Mitarbeitende sind nicht deine Familie!
Das Wort Familie steckt in Familienunternehmen bereits drin – und macht diese Unternehmensform oft so attraktiv für Mitarbeiter*innen. Problematisch wird es allerdings, wenn Grenzen verschwimmen – und das gilt sowohl für Führungskräfte als auch für die Belegschaft. Warum es gerade für Nachfolgende und Führungskräfte so wichtig ist, eine gesunde Balance zwischen Nähe und professioneller Distanz zu finden, erkläre ich in meinem neuen Blogbeitrag.

Deine Mitarbeitende sind nicht deine Familie
Viele Nachfolger*innen und Führungskräfte wünschen sich ein eng verbundenes, harmonisches Team – eine Art „Unternehmensfamilie“. Diese Vorstellung scheint auf den ersten Blick attraktiv: Sie vermittelt Nähe, Vertrauen und Zusammenhalt. Doch was passiert, wenn Mitarbeitende diese Idee zu wörtlich nehmen?
So erzählte mir neulich eine Geschäftsinhaberin im Coaching, dass sie das Motto ‚We are family‘ tief in ihrer Vision der Unternehmenskultur verankert hatte. Ihr Ziel: ein starkes Wir-Gefühl, Geborgenheit und eine Kommunikation auf Augenhöhe. Doch dann sagte eine Mitarbeiterin einen Satz, der sie ins Grübeln brachte:
„Wenn wir hier eine Familie sind, dann muss aber auch jede mal den Müll rausbringen!“
Diese Aussage ließ meine Klientin nicht mehr los. Denn obwohl sie als Chefin strategische Aufgaben hatte, wurde plötzlich erwartet, dass sie sich wie ein gleichwertiges Familienmitglied verhält – inklusive Tätigkeiten, die nicht in ihren Verantwortungsbereich fallen.
Hier zeigte sich das große Missverständnis:

Mitarbeitende sind keine Familienmitglieder.
Denn Sie stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zur Führungskraft.*
Warum Führungskräfte die Familienmetapher kritisch hinterfragen sollten
Der Begriff „Familie“ suggeriert Sicherheit, bedingungslose Zugehörigkeit und Loyalität – doch genau das ist in einem Unternehmen nicht realistisch. Führungskräfte stehen vor wirtschaftlichen und strategischen Entscheidungen, die oft unbequem sind. Sie müssen Leistung fordern, Feedback geben und im Extremfall auch Trennungen aussprechen.
Aber: Kann man seiner Familie kündigen? Wohl eher nicht. Genau das macht das Bild der Familie als Firmenleitbild auch so schwierig.
Insbesondere Nachfolger*innen und Führungskräfte in Familienunternehmen merken häufig erst in der Führungsrolle, dass das Familienbild problematische Dynamiken mit sich bringt.
Die folgenden Coaching-Beispiele aus meiner Praxis zeigen, warum eine bewusste Reflexion für Führungskräfte essenziell ist:

Beispiele aus meiner Coaching-Praxis
Führungspersönlichkeiten brauchen Reflexion
Viele Führungskräfte sind sich dieser Dynamiken anfangs gar nicht bewusst. Sie erleben Konflikte, Unsicherheiten oder innere Widerstände – und wissen nicht, woher sie kommen. Doch genau hier setzt die Reflexion an.
Wer eine Führungsrolle übernimmt, sollte sich regelmäßig folgende Fragen stellen:
Besonders wertvoll ist dabei der Austausch mit einer außenstehenden, neutralen Person. Ein/e Coach*in oder Mentor*in kann blinde Flecken sichtbar machen und helfen, eine individuelle Führungsstärke zu entwickeln – jenseits von überholten Metaphern.
Welche Metapher passt besser als „Familie“?
Das heißt nicht, dass Metaphern für Unternehmen generell schlecht sind. Im Gegenteil: Ein starkes Bild kann Orientierung und Zusammenhalt schaffen. Aber es sollte eines sein, das klare Strukturen und Rollen bewahrt.
Wie wäre es mit diesen Vorschlägen? Wichtig ist, dass ihr ein Bild findet, das zu euch passt!
Fazit: Führung heißt, Klarheit zu schaffen
Führungskräfte, insbesondere Nachfolger*innen und Gründer*innen, stehen vor der Herausforderung, ihre Rolle bewusst zu definieren. Wer sich als Teil einer „Unternehmensfamilie“ sieht, riskiert emotionale Verstrickungen, unklare Grenzen und eine geschwächte Führungskraft.
Die wichtigste Aufgabe für Führungskräfte ist daher nicht, „dazuzugehören“, sondern Orientierung zu bieten. Und das gelingt am besten mit einer Metapher, die Leistung, Verantwortung und Respekt miteinander vereint – ohne emotionale Abhängigkeiten zu schaffen.
Dazu ist es als Führungskraft unerlässlich, die eigenen Motive im Umgang mit Mitarbeitenden kontinuierlich zu reflektieren. Nur so kann man die eigene Führungsposition klar ausfüllen und in der eigenen Stärke bleiben.
Fußnote
* Taraneh Taheri „Dein Team ist nicht deine Familie!“ Neue Narrative Magazin, 2024
Special Unternehmensnachfolge in der Wirtschaft aktuell
In der aktuellen Wirtschaft aktuell sprach ich mit Redakteur Carsten Schulte über ein zentrales Mittelstandsthema: die Unternehmensnachfolge.
Weihnachten in der Unternehmerfamilie: Geschichten, die verbinden
Weihnachten in der Unternehmerfamilie ist ein Balanceakt. Persönliche Geschichten stärken den Zusammenhalt und machen das Unternehmen zum Teil des Festes.
Vereinsnachfolge meistern: Tipps für die Übergabe
Nachfolge betrifft nicht nur Unternehmen – auch bei der Vereinsnachfolge stehen oft Herausforderungen an, wenn Ehrenamtliche ihre Aufgaben weitergeben möchten.
Newsletter abonnieren
Weitere Informationen erwünscht? Dann direkt anmelden!